Der bärtige Mann und die Rentierhintern 


Knarzender Holzboden, schiefe Holzwände, abgewetzte Holzmöbel und ein von der Sonne vergilbter Weihnachtsmann auf dem Fenstersims aus Plastik. Dieser Rundumblick bot sich Fiona, als sie ihre müden Augen kreisen ließ. Ihr Bein begann einzuschlafen, also zog sie es unter ihrem Hintern vor. Auf dem Boden, umgeben von unzähligen bestickten Polstern, war es nicht so bequem wie erhofft. Vor ihr knisterte ein wärmendes Feuer. Fiona hätte nicht gedacht, wie schwer es war so einen romantischen Kamin anzufeuern. Bei ihrer Ankunft vor zwei Tagen im gemieteten finnischen Mökki, weit oben im verschneiten Lappland, hatte sie noch Euphorie verspürt. Freude darüber, über Weihnachten ganz für sich zu sein. Das hatte exakt solange angedauert, bis sie nur wenige Minuten nach dem Auspacken eine komplette Streichholzschachtel vergeblich verzündet hatte. Zwar lagerten vor der Hütte massenweise zurecht geschlagene Holzscheite, doch anfeuern musste sie selbst. Zuerst zog sie sich drei Schiefer ein, bei dem Versuch sie im Kamin ansehnlich zu stapeln. Dann wollte der Haufen Holz nicht brennen und zuletzt räucherte sie sich selbst mit zu viel Stroh die Hütte voll. Hustend war sie nach draußen gelaufen, um im dichten Schneefall nach Sauerstoff zu ringen. Weil sie dort aber nicht erfrieren wollte, goss sie schließlich etwas von dem hochprozentigem Alkohol über das Holz, den sie in einem der Unterschränke gefunden hatte. Mit einem Feuerzeug loderten die Flammen hoch und Fiona konnte ihre steif gefroren Glieder endlich wärmen. Das war ihre Routine geworden, um die glühende Stelle wieder anzuheizen, falls sie über Nacht zu sehr runter brannte. Als Großstädterin hatte es die junge Frau sowieso nicht so wirklich mit der Natur. Doch mit Weihachten und dem Tara, das um dieses Fest gemacht wurde noch weniger. 


Fast jedes Jahr, seit sie einen eigenen Führerschein hatte, verkroch sie sich irgendwo, wo keine übertrieben fröhlichen Menschen waren. Diesmal hatte die Hamburgerin eins drauf gesetzt. Mit dem Flieger ging es nach Helsinki und von dort weiter mit einem Inlandflug. Die anschließende Autofahrt von vier Stunden waren ein weiter Weg gewesen. Nun saß sie aber in ihrer finnischen Idylle und schlürfte an ihrem Tee. Die Idee mit der absoluten Isolation hatte fantastisch geklungen. Fiona hatte sich selbst gefeiert. Verschneite Landschaften, sternenklare Nächte und vielleicht sogar Polarlichter.
In der Realität war sie sehr schnell angekommen. Von außen wirkte alles genauso wie in ihrer Fantasie und im Online-Katalog. Auch das rustikale Ambiente wirkte stimmig und gemütlich. Es gab eine kleine Küchenzeile mit Gasherd, der dafür sorgte, dass sie ihre Vorräte zu etwas Essbarem zubereiten konnte. Ein flauschiges Bett mit frischen Überzügen und eine schnucklige Tischecke, dessen Bank zauberhafte Schnitzereien zierten. Die Zivilisation –  eine Tankstelle, ein kleiner Supermarkt mit Bankomat und eine Apotheke – lag nur eine halbe Stunde entfernt und zur nächsten Hütte waren es ebenfalls nur wenige Autominuten. Sie hatte also keine Angst von einem Axtmörder vergewaltigt und getötet zu werden, um in den Weiten der Birkenwälder zu verschwinden.
Authentisch war allerdings auch der Schneesturm, der seit ihrer Ankunft draußen tobte. Ihr gemietetes Auto versank jetzt schon unter einer meterhohen Schicht. Aus den Fenstern sah sie auch kaum noch raus und den Handyempfang störte das Wetter ebenso. Der Strom funktionierte dank eines zuverlässigen Generators und sie hatte genug Mini Salamis inklusive Roggenbrot dabei um zu überleben. Das Feuer bekam sie ebenfalls in den Griff, aber eine Sache lag ihr schwer im Magen. Die Toilette und das Badezimmer. Was Fiona nicht bedacht hatte, war, dass sie in einem traditionellen finnischem Mökki war.


Im Nachhinein hatte Fiona nicht darüber nachgedacht wie man Warmwasserleitungen und Abwassersysteme ins Lappland bekam. Heute wusste sie: gar nicht. Das WC bestand aus einer niedlichen winzigen Holzhütte, wenige Schritte vom Mökki entfernt. Genauso wie die Sauna, die gleichzeitig das Badezimmer darstellte. Wollte sie Warmwasser, wurde es dort erhitzt. Das wäre alles kein Drama gewesen, wenn Fiona nicht stündlich mit der Schneeschaufel vor die Tür musste, um sich eine Schneise frei zu halten. Bei minus zehn Grad. Im Schneesturm. 
Sie seufzte mit einem Blick zum Fenster. Weißes Gestöber wirbelte verspielt draußen gegen das Glas. Die Eiskristalle sahen wunderschön aus. Das warme Feuer knackte und knisterte herrlich einlullend und der Duft nach Wald und Holz wirkte beruhigend. 
„Verfluchte Scheiße“, grummelte sie zappelnd und wechselte erneut die Position. Seit einer Stunde musste sie dringend pinkeln. Wirklich dringend. So dringend, dass sie nicht mal mehr wusste, ob sie aufstehen konnte, ohne ein paar Tröpfchen zu verlieren. Sie stellte die leere Tasse Tee zur Seite und starrte sie grimmig an.
Jeder Gang auf die Toilette wurde gut abgewogen und bis ins Äußerste hinausgezögert. Sie war froh Imodium akut Kapsel dabei zu haben, sollte ihr das Dosenessen nicht bekommen. Durchfall zu diesen Bedingungen wäre eine Katastrophe gewesen. Kurz, ganz kurz hatte sie den Putzeimer unter der Spüle in Augenschein genommen. Dann war ihr eingefallen, dass sie eine zivilisierte Deutsche war, die gewiss nicht dort reinmachte. 
Umständlich und mit zusammengepressten Beinen rappelte sie sich hoch. Um draußen zu überleben schlüpfte sie in einen dicken Wollpullover. Darüber zog sie einen dicken Parker an, sowie eine schwarze Mütze mit riesigem Bommel. Ehe sie die Handschuhe griff, stolperte sie hektisch in die gefütterten Stiefel. Es war wahrlich ein riesiger Aufwand, um sich einmal zu erleichtern. Mit zappelnden Schritten zog sie Tür nach innen auf und sofort wirbelte der Sturm eiskalte Böen um sie. Schnee, der sich in der letzten Stunde auf der Schwelle angesammelt hatte, fiel herein und schmolz direkt in der Wärme des Mökkis zu einer Pfütze. Fiona blinzelte gegen den Frost an und schloss hinter sich schnell wieder die Tür. Sie sah keinen Meter weit. Die Solarleuchten, die den Weg markierten waren tot. Ohne Licht blieb ihnen die Energie aus. Sie hatte eine riesige Taschenlampe gefunden, die die Finsternis allerdings gut durchdringen konnte. 


Ihr erster Blick ging zu ihrem Wagen, der schon bis über die Reifen hinaus eingeschneit war. Sie hatte die Hütte für fünf Tage gebucht, freute sich aber nicht darauf, das Ding freischaufeln zu müssen, um Schneeketten anzulegen. Bedächtig stieg sie die zwei Stufen von der Holzveranda herunter. Der Sturm wirbelte den Schnee erbarmungslos unter das schmale Vordach gegen die Hütte. Mit der freien Hand griff Fiona nach der Schaufel, um sie vor sich herzuschieben. Der Weg zum Klo war nicht weit aber mühsam. Die volle Blase trieb sie an, sodass sie schnell voran kam. Der Wind schleuderte die Eiskristalle gegen ihr Gesicht und im Sturm ächzten und knarrten die Bäume. Immer wieder ging ihr Blick nach oben, aus Angst Äste würden herunterfallen. Die Hütte selbst stand auf einer freigeschlägerten Lichtung, doch die Stämme waren riesig und könnten im freien Fall bestimmt großen Schaden anrichten. Blinzelnd erreichte sie die Tür des WCs und zog sie drinnen seufzend zu. Zwar waren die Wände relativ gut in Schuss und dicht, sodass der Wind kaum durchpfiff, doch als warm ließ sich dieses stille Örtchen nicht bezeichnen. Allein der Gedanke ihren Hintern hier zu entblößen jagte ihr einen eiskalten Schauer über den Körper. 
Das Innenleben war weit weniger schlimm, als es von außen den Anschein machte. Aus lackierten Holzplatten waren zwei Stufen, als auch das Sitzpodest geformt, in dem dann das Loch ausgeschnitten worden war. Eine saubere Klobrille sorgte für Hygiene und der Geruch hielt sich ebenfalls in Grenzen. Das lag vor allem daran, dass man statt der Spülung ein Schaufelchen mit Mulch über die Hinterlassenschaften kippte. All das wusste Fiona und trotzdem war das Pipi machen eine Tortur. So schnell wie möglich erledigte sie alles, ehe sie sich wieder in die Klamotten zwängte und für den Rückweg wappnete. 


Der erste Schritt zurück in den tobenden Sturm ließ sie zurücktaumeln. Fluchend griff sie die Lampe fester, während sie mit aller Kraft die Tür wieder zuzog und verriegelte. Wenn der Schnee das Klohäuschen füllte, war sie wortwörtlich am Arsch. Die dichten Flocken peitschten gegen ihr Gesicht und nahmen ihr die Sicht. Fluchend bahnte sie sich den Weg zurück, während die Lampe ihren Schein vorauswarf. 
Der tosende Wind war unfassbar laut und das Pfeifen, Rauschen und Zischen der gefrorenen, schneebedeckten Bäume von allen Seiten hörbar. Trotzdem zuckte Fiona erschrocken zusammen, als ein markerschütterndes Krachen und Ächzen aus dem Wald hallte. Es knirschte und raschelte, bis es abrupt wieder verstummte. Ein paar wild pochende Herzschläge blieb Fiona im Sturm stehen und atmete die eisige Luft ein. Der Schein der Lampe wankte, weil ihre Hand zitterte. Sie war sich sicher, dass soeben einer der riesigen Kiefern umgefallen war. Die Hütte stand zwar auf der Lichtung, aber sie war sich nicht sicher, ob sie nicht doch gefährdet war. Gerade setzte sie sich wieder in Bewegung, folgte das nächste merkwürdige Geräusch aus dem Wald. Weniger brutal, aber nicht minder angsteinflößend. Ein Röhren. Ein Grunzen. Fionas Blick huschte umher und versuchte die Finsternis zu durchdringen. Der Schneefall ließ etwas nach, doch erkennen konnte sie trotzdem nichts. Der Laut wiederholte sich und klang leidend. 
Mit schnellen Schritten stapfte sie zurück zur Hütte, bevor noch weitere Klänge aus dem Wald kamen. Keuchend und frierend erreichte sie die Tür und eilte ins Innere. Die wohlige Wärme schlug ihr entgegen und schmolz den Schnee von ihren Schultern. Sie stand noch voll bekleidet da und wartete, bis sich ihr Atem beruhigte. Etwas in ihr blieb aber in Aufruhr. Der umgefallene Baum und dieses Röhren ließen sie nicht los. Sie wollte zurück zum Feuer und sich die vereisten Zehen aufwärmen, doch ein Kribbeln in ihrem Bauch nahm Besitz von ihr. Sie starrte auf die Stiefel, die den Boden durchnässten. Das ungute Gefühl, dass da draußen etwas nach ihr rief, wurde stärker. Es klang nach einem Tierlaut, doch das reichte aus, um ihr schlechtes Gewissen zu aktivieren. Als würde etwas an ihrem Innersten zupfen, zog es sie hinaus. Sie knurrte über sich selbst und stampfte einmal auf. 


Sie kam sich lächerlich vor, als sie sich eines der großen Jagdmesser griff, das zum Inventar der Hütte gehörte. Beim Rausgehen schnappte sie sich wieder die Lampe und nahm gleichzeitig intuitiv die Schneeschaufel mit. Allein aus Selbstschutz, aber auch aus einer bösen Vorahnung heraus. Als sie die Tür erneut aufriss, trug der Wind augenblicklich die unheimlichen Geräusche heran. Der Sturm ließ weiter nach, weshalb sie instinktiv die Richtung einschlug, aus der sie die Laute vernahm. Bedächtig marschierte sie los und ließ den sicheren, freigeschaufelten Weg zurück. Zielstrebig betrat sie den Wald, mit ängstlichem Blick nach oben gerichtet. 
Die Lampe richtete sie aufgeregt in alle Richtungen. Dank der Anspannung und Nervosität spürte sie die Kälte auch nicht mehr so beißend wie zuvor. Meter für Meter schritt sie voran zwischen kahlen, hohen Baumstämmen hindurch. Der Schnee wirbelte von den Ästen und peitschte gleichzeitig in ihr Gesicht. »Hallo?«, fragte sie und kam sich sofort dämlich vor. Den Massenmörder im Wald begrüßte man nicht und irgend ein Geisterwesen, das ihr die Haut abziehen wollte erst Recht nicht. Das grunzende Geräusch ertönte jedoch nochmal, diesmal deutlich lauter und näher. Sie richtete sich weiter nach links und beschleunigte ihre Schritte. Immer wieder sank sie knietief in Schneeverwehungen ein und musste sich kraftvoll befreien. Ein erneutes Knacken und Ächzen ließ sie zusammenzucken. Konzentriert beobachtete sie die schwankenden Baumwipfel, doch kein Ast fiel ihr auf den Kopf. Immer weiter ging sie in den Wald hinein und leuchtete vor sich. 
Plötzlich tauchte ein dunkler Fleck vor ihr auf, der sich trotz Finsternis abhob. Der Schein der Lampe wanderte umher und traf einen riesigen umgeknickten Stamm, der nicht weit von ihr quer lag. Die dichte Krone war zerborsten und unzählige Äste und Nadeln lagen rund herum auf dem Boden. Je näher sie kam, desto verwüsteter bot sich der Anblick. Plötzlich erklang ein Schnaufen, so laut, dass ihr die Lampe beinahe aus der Hand gefallen wäre. Hektisch und zitternd suchte sie nach der Quelle und leuchtete schließlich zwei große schwarze Augen aus. Erstaunt fokussierte Fiona den seltsamen Anblick und trat vorsichtig näher. 
Vor ihr kämpfte ein riesiges Rentier im Schnee mit seinem Geweih, das sich in der Krone des umgefallenen Baumes verfangen hatte. Dazu kam, dass das Tier in eine Schneesenke gefallen war und bis zum Bauch feststeckte. Es riss verzweifelt den großen Kopf hin und her und verdrehte erschöpft die Augen. Nach den ersten Sekunden des Staunens wusste sie, dass sie nicht länger warten durfte. Sie setzte die Lampe im Schnee ab und justierte sie so, dass der Schein ihr halbwegs Licht spendete. Dann hob sie beruhigend die Hände und redete sanft auf das verängstigte Tier ein. Sofort reagierte es auf sie. Überraschenderweise geriet es nicht noch mehr in Panik, sondern verharrte und richtete seine Augen auf sie. »Ich werde dir helfen«, murmelte sie und näherte sich langsam. Erst als sie das Messer aus ihrem Mantel zog, zuckte das Rentier zusammen. Sofort blieb Fiona stehen und wartete, bis es ihr wieder Vertrauen zu schenken schien. 


Nach einem kurzen Blick entschied sie, erst mal das Geweih aus den Ästen zu befreien. Sie begann mit der freien Hand daran zu rütteln und einzelne Zweige abzubrechen. Schnell kam sie durch die Kraftanstrengung aus der Puste, doch der Erfolg motivierte sie. Ast für Ast warf sie zur Seite und versuchte dabei dem Tier nicht weh zu tun, das seltsam still hielt. Es spürte offenbar, dass Fiona keine Gefahr darstellte. Soweit sie sehen konnte, hatte es Glück im Unglück gehabt. Zwar steckte es fest, doch verletzt schien es nicht zu sein. Der Baum hatte es nicht getroffen, lediglich die Senke war ihm zum Verhängnis geworden. 
Irgendwann musste sie das Messer zur Hilfe nehmen und besonders dicke Äste anschneiden. Wieviel Zeit vergangen war, wusste sie nicht, aber der Sturm ebbte ab, nur um erneut zu entfachen und ihr kleine Zweige und Eis ins Gesicht zu blasen. Sie fluchte vor sich hin, weil der Frost durch die Handschuhe drang und ihre Arme schmerzten. Ihre Muskeln zitterten, doch sie gab nicht auf. Als das Geweih mit einem Ruck frei war und das Rentier sofort den Kopf hin und her riss, schrie sie erleichtert auf. Sie keuchte und streckte die Arme triumphierend empor. Unter den vielen Kleidungsschichten schwitzte sie, während Zehen, Nase und Finger froren. Schnaufend ging sie ein paar Schritte zur Seite und atmete tief durch. Das Rentier begann zu strampeln und hin und her zu rucken. Es hob die langen Beine, aber immer wieder sackte es durch den Schnee zurück in die Senke. Nach ein paar Fehlversuchen sah Fiona ein, dass ihre gute Tat noch nicht vollendet war. Seufzend griff sie sich die Schaufel und begann den Haufen rund um das Tier freizuschaufeln. Sie taumelte und stolperte rückwärts, doch immer wieder fand sie Mut und Kraft weiterzumachen. Schaufel für Schaufel befreite sie die Vorderbeine. Erst als das Rentier mit einem beherzten Schritt aus eigener Kraft aus der Senke trat, sackte Fiona erschöpft zusammen. Schlaksig stapfte das hübsche Tier nach oben und schaffte es aus der Grube zu treten. Nadeln und kleine Zweige hingen an dem Geweih und das braune Fell war mit Schnee und Erde benetzt. Es schüttelte sich und schwang den Kopf elegant. Als es auf sie zukam, schaffte es Fiona nicht rechtzeitig auszuweichen. Sie blieb mit einem Fuß halb im Schnee stecken und taumelte zurück, bis sie unsanft rücklings in die Grube fiel. Sie schrie auf, ruderte mit den Armen, doch außer dass ein Handschuh an den Zweigen des umgefallenen Baumes hängen blieb und ihr von den Fingern rutschte, half das nicht. Sie kam ächzend und obszön fluchend zum Erliegen. Schnee und Nadeln rieselten von oben in ihr Gesicht. Ein paar Sekunden kam sie zu Atem, bevor sie sich wieder hochrappelte. Verletzt war nichts, aber ihre Laune im Keller. Ihre Hose war nass und der Schnee begann sich Wege unter ihren Mantel zu suchen. Sie brauchte ewig, um aus der Grube zu klettern. Es war immer noch dunkel, es schneite und der Wind wirbelte um sie herum. 
Oben angekommen zog sie ihren Handschuh über die halb erfrorene Hand. Schnaufend suchte sie nach der Schaufel und der Lampe, die mittlerweile drohte vom Schnee verschluckt zu werden. Als sie alles beisammen hatte, war von dem Tier nichts mehr zu sehen. Sie drehte sich im Kreis, doch nicht mal Spuren konnte sie entdecken. Das führte sie zu ihrem nächsten Problem. Sie hatte keine Ahnung, wo es zurück zur Hütte ging. Der Sturz rücklings in die Senke hatte ihren Orientierungssinn erst recht durcheinandergebracht. Nach mehreren Minuten, in denen sie unsicher ein paar Schritte machte, wurde sie nervös. Sie steigerte sich in Panik, worauf sie einfach losmarschierte. Es war dumm, das wusste sie spätestens nach wenigen Metern, als sie sich umdrehte und nicht mal mehr den umgefallenen Baum ausmachen konnte. Mit wild schlagendem Herzen wurde sie schneller und schneller. Immer wieder stolperte sie über Schneewehen oder vergrabene Wurzeln. Die Lampe wackelte, spendete ihr so kaum Licht. Die aufsteigenden Tränen unterdrücke sie. Man würde sie tiefgefroren im neuen Jahr irgendwann hier finden. 
Ihre Beine trugen sie weiter, aber sie wurde erschöpfter. Das Heben der Füße fiel schwerer, also dauerte es nicht lange, bis sie irgendwo hängen blieb und vornüber der Länge nach in den Schnee krachte. Sehr unsanft. Es klirrte laut, als die Lampe gegen etwas Hartes knallte und zersprang. Augenblicklich wurde es dunkel. Als sie so auf dem Boden ausgestreckt liegen blieb und wartete, dass der dumpfe Schmerz in ihrem Handgelenk aufhörte, auf das sie gefallen war, begann sie schließlich doch kurz zu schluchzen und zu hicksen. 


Der Wind toste über ihr in den Baumwipfeln. Es knirschte und pfiff. Erst als das Knarzen von Schnee, ganz in ihrer Nähe an ihr Ohr drang, schreckte sie auf. Sie zog die Nase hoch und wappnete sich für die nächste Katastrophe. Ein Bär, ein hungriger Wolf oder doch ein krimineller, der sich nachts durch die Wälder schlich, um neue Opfer zu finden. All das trat nicht ein, sondern über ihr ragte ein Geweih empor und eine schwarze, feuchte Nase stupste sie an der Wange an. Fiona stockte, als das Rentier ihr so nahe kam. Es schnaufte und blies ihr heißen Atem mitten ins Gesicht. Schließlich drehte es den Kopf zur Seite, sodass Fiona in ein großes Auge blickte, das zwinkerte. Dann sank der Oberkörper des Tieres tiefer, sodass das Geweih wieder in Reichweite kam. Sie zögerte, ungläubig was hier gerade passierte. Das Rentier verharrte geduldig, bis sie mutig genug war und mit zittrigen Fingern nach dem Geweih griff. Erst zaghaft, dann etwas fester. Es zuckte nicht zurück, sondern schnaubte bestätigend. Als Fiona mit beiden Händen zupackte, zog es sie kräftig zurück auf die Beine, in dem es sich aufrichtete. Sie wagte es nicht loszulassen, weil ihre Knie pochten und die Beine steif gefroren waren. Noch immer starrte sie auf das imposante Tier, das unnatürlich ruhig blieb. Fiona war am Ende ihrer Kräfte. So kam es, dass sie gegen all ihre Vernunft handelte und sich von dem flauschigen Rentier langsam voran ziehen ließ. Die kaputte Lampe und die Schaufel blieben im Wald zurück, während sie sich auf die Führung ihres neuen Freundes verließ. Sicheren Trittes kamen sie voran und Fionas Tränen waren längst versiegt. Auch ihr Puls hatte sich normalisiert. Der Sturm und das Schneegestöber ließen nach. Fiona war zu ausgelaugt um nachzudenken. Müde und frierend trottete sie neben dem sanften Wesen her. Ihre Finger krallten sich an sein Geweih. 


Irgendwann begann sie zu blinzeln, weil zum einen Schneekristalle auf ihren Wimpern wuchsen und zum anderen tauchte ein warmer Schein vor ihnen zwischen den Stämmen auf. Der Wald lichtete sich, Lampen traten hervor. Plötzlich wieder wacher richtete sie den Blick nach vorne. Da stand eine Hütte, ähnlich ihrer nur viel größer und... ausgeleuchtet wie ein ganzer Christbaum. Fiona blieb vollkommen perplex stehen, während das Rentier weiterging. Vor ihr ragte diese monströse Holzhütte auf. Das Spitzdach mit Schnee bedeckt und Eiszapfen die vom Giebel hingen. Ein klassischer Zaun, behängt mit bunten Lämpchen und Tannenschmuck. Ein gut geräumter Weg führte durch den Vorgarten, flaniert von zwei Reihen Laternen, in denen dicke Kerzen brannten. Fiona näherte sich mit offen stehendem Mund. Verlockend wie das Lebkuchenhaus aus Hänsel und Gretel. Als die Tür aufschwang, trat aber keine alte, knittrige Hexe mit Warze heraus, sondern ein großer, breitschultriger Mann in rot kariertem Hemd. Hätte er eine Axt in der Hand gehabt, wäre ihr ein Schrei entkommen. Doch stattdessen starrte sie dem weiß flauschigen Rentierpopo mit dem puschligen Schwanz nach, der zielstrebig über den Weg zu dem Mann trottete. Er streckte seine große Hand aus und strich dem Tier zur Begrüßung breit grinsend über das lange Gesicht. Das Gemurmel verstand Fiona nicht, weil sie immer noch zu weit weg stand. 


Als er sie bemerkte und seine Augen auf sie richtete, hielt sie den Atem an. Im Schein wechselnder Farben der Lämpchen, starrten sie sich an. Seine Augenbrauen schoben sich zusammen. Er wechselte ein paar Worte mit dem Rentier, das den Kopf zu Fiona drehte, als würde es ihm antworten. »Moi!«, rief er laut zu ihr. Der Schnee wehte nicht mehr in Wirbeln umher, sondern schwebte friedlich zu Boden. »Guten Tag«, erwiderte sie flüsternd mit brüchiger Stimme. Sie dachte er hätte sie nicht gehört oder verstanden, doch zu ihrer Überraschung schmunzelte er sie breit an. »Magst du dich aufwärmen und hereinkommen?«, fragte der Fremde nun auf Deutsch. Man hörte den starken Akzent heraus, aber seine Formulierung war einwandfrei. Perplex zwinkerte sie ein paar Mal, doch sie bildetet sich das entzückende Haus nicht ein. Mit zittrigen Klumpfüßen schritt sie näher, weil es sowieso keine andere Alternativen gab. Sie war fix und fertig. All die Lichter machten die Nacht taghell. Fiona wusste zwar nicht wie spät es war, weil es um diese Jahreszeit auch morgens noch stockdunkel war, doch hier schien sowieso eine andere Sphäre zu sein. Je näher sie dem Haus kam, desto wärmer wurde es. Als strahlten die Holzdielen der Hütte Hitze ab. Ein Grunzen zu ihrer Rechten ließ sie hochschrecken und einen Hüpfer machen. »Die tun dir nichts. Sie freuen sich über Besuch. Dasher stromert gerne abends etwas im Wald herum. Ich hatte mir schon Sorgen gemacht!«, sagte der Mann und kraulte das Rentier, das Fiona befreit hatte auf dem Kopf. Das war aber nicht das einzige Wesen mit flauschigem Hintern bei der Hütte, denn nun entdecke sie mindestens vier weitere Tiere, die im Vorgarten standen. Es gab Strohhaufen und offenbar fühlten sich die Rentiere sehr wohl. Fiona wollte endlich wieder Leben in ihre erfrorenen Gliedmaßen bringen, also stolperte sie weiter zur Eingangstüre. Der Mann lächelte sie sanft an. Aus der Nähe betrachtet, roch er lecker nach Lebkuchen und seine schokoladenbraunen Augen strahlten eine freundliche Wärme aus. »Mein Name ist Klaus«, stellte er sich vor und reichte ihr eine Hand. Sie griff zögerlich danach, worauf er vorsichtig zudrückte. »Fiona.«
Beim Eintreten in die warme Hütte entwich ihr ein kindliches Seufzen. Jede tiefgekühlte Zelle in ihrem Körper reagierte auf die Hitze, die von einem riesigen Kamin ausging. Es knisterte und Flammen loderten empor. Der gemauerte Rahmen untermalte das Ambiente. Automatisch steuerte sie direkt das Feuer an, ehe sie sich auch nur eine Sekunde umblickte. Sie zog die nassen Handschuhe aus und reckte ihre steifen Finger nach vorne. Alles kribbelte schmerzhaft, eine Gänsehaut überrollte sie. 
»Magst du eine heiße Schokolade?«, fragte Klaus, als er die Tür schloss und die kalte Nacht draußen ließ. Fiona nickte starr. Eigentlich hätte der normale Menschenverstand Angst in ihr auslösen müssen. Allein in einer Waldhütte im Nirgendwo. Mit einem Fremden, der einen Oberkörper hatte, als könnte er Bäume ausreißen. Stattdessen gab sie sich ein paar wilde Herzschläge den übermannenden Gefühlen hin, die der Wärmeschub in ihr auslöste. Erst dann traute sie sich den Kopf zu drehen und ihre Umgebung zu betrachten. Die Hütte ähnelte ihrer, war jedoch imposanter. Holz wohin das Auge reichte. Der größte Unterschied bestand in den unzähligen Lichterketten. Gemeinsam mit dem Feuer, vielen Kerzen und geschlossenen Laternen beleuchteten sie jeden Winkel. In jeder Ecke gab einen andren Farbton. Bunte Blinklichter, warmer Schein oder grelle Punkte. Fiona drehte sich um und reckte so ihren eisigen Po unauffällig den Flammen entgegen. 
»Mit Schuss?«, fragte Klaus, der ihr den Rücken zugewandt hatte. Er hantierte in der kleinen Kochnische, die aus zwei Gasherdplatten bestand. »Ja gerne«, nuschelte sie verunsichert. Es ging keinerlei gefährliche Aura von dem Mann aus. »Ich hoffe deinem Rentier geht es gut. Ich habe sehr lange gebraucht um es zu befreien«, sagte sie, um nicht einfach nur da zustehen. Klaus leerte aus einem Topf dampfend heiße Schokolade in zwei Becher. Der süße Duft verbreitete sich augenblicklich in der Hütte und mischte sich mit Zimt, Orangen und Nelken. Die ganze Hütte roch wie die Gewürzmischung für Glühwein. Inklusive Klaus. »Das war sehr nett von dir. Dasher neigt dazu sich in Schwierigkeiten zu bringen. Vielen Dank. Du kannst hier bleiben, bis der Sturm vorbei ist. Ich nehme an du bewohnst eine der Mietmökkis? Wenn du möchtest fahr ich dich dann zurück!«, bot er an und kippte Rum in die Tassen. Er brauchte den Alkohol vermutlich nicht, um das Feuer zu entfachen. Fiona rieb ihre Finger aneinander, deren Haut mittlerweile knallrot anliefen und schmerzhaft brannten. »Ja die dumme deutsche Touristin hat sich im Wald verlaufen«, murmelte sie frustriert. Klaus lachte leise. Seine breiten Schultern vibrierten unter dem warmen Ton. »Das passiert leicht. Kein Grund sich zu schämen. Ich bin froh, dass dich Dasher hergeführt hat!« Verdutzt wurde ihr klar, dass das Tier sie tatsächlich zielstrebig zur Hütte gebracht hatte. Klaus drehte sich zu ihr um und reichte ihr eine der weißen Tassen. Darauf war ein bunter Weihnachtsschuh gemalt. Er lehnte sich ihr gegenüber gegen die winzige Spüle und nahm vorsichtig schlürfend den ersten Schluck. Seine Augen schlossen sich genießerisch und danach leckte er sich über die Lippen. Sein dunkler Bart reichte weit übers Kinn und war über der Lippe und zu den Ohren gepflegt getrimmt. Ihre Blicke trafen sich und keiner der beiden wich aus. Fiona war wie hypnotisiert. Die Hitze in ihren Händen wurde schmerzhaft, weil sie die Tasse fest umklammerte. Klaus trank erneut einen Schluck. »Du solltest mal an meiner Zuckerstange lecken!«, forderte er sie breit lächelnd auf. 
Fionas gerade aufgetautes Blut gefror sofort wieder. Sie blinzelte oft und überlegte, ob er wirklich gesagt hatte, was sie verstanden hatte. Unzählige Horror Szenarien tauchten in ihrem Kopf auf, während sie Klaus systematisch auf perversitäten-Faktor oder Mörder Qualitäten analysierte. »Die Zuckerstange! Ich habe sie selbst gemacht. Letztes Jahr habe ich einen Bonbon Kurs in Helsinki besucht. Erdbeer-Minze«, erklärte Klaus seelenruhig und wies mit der Tasse auf sie. Erst jetzt blickte sie auf die heiße Schokolade. Nicht nur ein köstlich herber Duft stieg in ihre Nase, sondern auch die rot-weiß gestreifte Zuckerstange fiel ihr auf, die statt einem Löffel darin lehnte. »Oh«, sagte sie beschämt. Als Klaus zu verstehen schien was in ihr vorging, zog er zuerst die Stirn kraus und lachte dann lauthals los. Sie zuckte unter der Lautstärke zusammen, doch gleichzeitig lockerte sich die Stimmung dadurch wieder auf. Schließlich griff er hinter sich und nahm eine weitere Zuckerstange in die Hand. Mit frechem Zwinkern biss er ein Stück ab und kaute sie. »Sie ist wirklich lecker!«


Fiona grinste verlegen und rührte damit in der Schokolade um. Ein Hauch von Rum mischte sich mit der Schokoladennote. Als sie den ersten Schluck nahm, war es kein Seufzen, das aus ihrer Kehle kroch. Ein ausgewachsenes, erleichtertes, genussvolles Stöhnen. »Oh mein Gott!« Es war ein Erlebnis, das sie nicht in Worte fassen konnte. Gierig nahm sie einen weiteren Schluck und die Wärme breitete sich in ihrem Magen aus. Nun begann ihr Körper auch von innen aufzutauen. Die Zuckerstange nahm sie nur zögerlich in die Hand und führte sie an ihre Lippen. Das reichte aus, um den fruchtigen Geschmack zu erahnen. »Einfach köstlich!«, flüsterte sie. Klaus nickte dankend und erneut bezauberte er sie mit einem breiten Lächeln. Seine breiten Lippen kamen unter dem Bart gut zur Geltung. 
»Züchtest du Rentiere? Hier ganz alleine?«, traute sie sich zu fragen. Die Hütte sah mehr nach Touristenattraktion aus, als nach Wohneinheit. An den Balken hingen Mistelzweige, Tannenzapfen und ganze Kränze aus Kiefernnadeln schmückten die Wände. Glitzernder Schmuck aus Porzellan mischte sich mit liebevollgeschnitzten Holzfiguren. Alles Weihnachtsmänner, Engel, Rentiere oder andere Weihnachtsmotive. Außer dem Tisch, der Kochnische und einem breiten Ledersessel mit Fußhocker beim Kamin, gab es keine Einrichtung. »Ich arbeite mit den Tieren ja. Über die Feiertage ziehe ich mich hier zurück und den Rest des Jahres lebe ich wie alle anderen in der Zivilisation in der Stadt. Dort hinten ist auch ein Schlafzimmer, wenn du dich ausruhen möchtest. Natürlich bleibe ich hier. Du solltest aus deinen nassen Klamotten raus, damit sie besser trocknen können!« Überrascht blickte sie auf die verschlossene Türe, die sie unter all dem Schmuck gar nicht gesehen hatte. Die Hütte war größer als sie geschätzt hatte. 


Sie leerte den Kakao und schob sich den Rest der Zuckerstange zwischen die Lippen. Dann stellte sie die Tasse ab und begann sich aus dem nassen Mantel zu schälen. Das Gefühl war größtenteils zurückkehrt, trotzdem war ihre Feinmotorik arg beeinträchtigt. Sie brauchte zwei Versuche um den Reißverschluss zu öffnen und verhedderte sich im Ärmel. »Darf ich dir helfen?«, fragte Klaus mit einem belustigen Ausdruck in seinem Gesicht. Es bildeten sich tiefe Lachfalten neben seinen Augen, aber trotzdem wirkte er alterslos. Fiona konnte ihn schwer einschätzen. »Ja bitte«, krächzte sie erschöpft. Klaus nickte und kam langsam zu ihr. Bedächtig zog er ihre Arme aus der Jacke und hängte sie über die Lehne des Sessels beim Feuer. Darunter zog sie den dicken Pullover aus, der feuchte Flecken an Kragen, Ärmeln und Bauch bekommen hatte und somit schwer und feucht an ihr lag. Auch das Longshirt darunter hatte Spuren ihres Stunts im Schnee davon getragen. Schicht um Schicht entledigte sie sich, bis sie im trockenen T-Shirt da stand. Mehr hätte sie ohnehin nicht ausgezogen. »Ich bringe dir warme Socken. Stell die Schuhe zum Kamin!«, wies er sie freundlich an und verschwand schnurstracks im Schlafzimmer. Unter seinen großen Schritten knarzte der Boden. Fionas Füße fühlten sich an wie eiskalte Zementblöcke. Sie konnte ihre Zehen zwar bewegen, aber es fühlte sich steif und seltsam an. Sie ließ sich ungefragt in den Sessel sinken und zerrte die pitschnassen Socken herunter. Sofort begann sie ihre Füße zu kneten und zu massieren. Auch die Jenas hatte sich bis zu den Schienbeinen vollgesogen. 


Ein Knacken im großen Feuer ließ sie aufsehen und just in diesem Moment erschien Klaus. Er hielt bunte Ringelwollsocken in der Hand und eine graue Jogginghose. Wortlos nahm sie die Sachen an und haderte mit sich selbst. »Ich bin ein frommer Mann. Ich dreh mich weg, aber du solltest wirklich aus den nassen Klamotten raus!« Fiona drückte die Hose an sich und seufzte. Immerhin hätte es schlimmer enden können. Draußen erfroren im Schnee. Heiße Schokolade mit Rum und ein knisterndes Feuer waren okay. Wie versprochen widmete sich Klaus wieder der Küche und wusch derweil den Topf aus. Wasser rauschte und Geschirr klimperte, also traute sie sich vorsichtig aufzustehen. Ihre Knie waren so weich, dass sie einmal zurück plumpste und einen zweiten Versuch brauchte. Mit schwingenden Hüften schälte sie sich heraus. Die dicke Strumpfhose darunter war nur leicht feucht, also behielt sie sie an und schlüpfte in die Jogginghose. Der Bund war viel zu weit, daher setzte sie sich gleich wieder hin. »Vielen Dank für deine Hilfe. Magst du Weihnachten auch nicht oder wieso bist du hier allein?«
Klaus zog überrascht die dichten dunklen Augenbrauen hoch und grinste schief. So sah er aus wie ein kleiner Schuljunge, wäre der lange Bart nicht gewesen und seine Statur. »Sieht das hier so aus, als würde ich Weihnachten nicht mögen?«, antwortete er und ließ seinen Blick über die glitzernden und funkelnden Dekorationen wandern. Fiona blickte sich ebenfalls nochmal um und schüttelte lächelnd den Kopf. »Ich arbeite für eine große Spielwarenfirma und wir haben vor Weihnachten immer sehr viel Stress. Ich ziehe mich dann über die Feiertage gerne zurück«, fügte er erklärend hinzu. 
Die nächsten Minuten verbrachte sie damit in das Feuer zu starren und sich ihrer Müdigkeit zu widersetzen. Mittlerweile war alles aufgetaut. Der weihnachtliche Duft umschwirrte ihre Sinne und das Knacken des brennenden Holzes wirkte beruhigend. Irgendwann fielen ihr unbemerkt die Augen zu. 
»Möchtest du nicht doch ins Bett?«, drang Klaus tiefe Stimme durch einen schläfrigen Nebel in ihrem Kopf. Sie zwinkerte ein paar Mal und hob dann ruckartig ihren Kopf. Ihre Augen brannten, doch sonst fühlte sie sich wohl und ausgeruhter. Sie sah sich um und erinnerte sich spätestens beim Anblick des großen Mannes wo sie war. Klaus saß auf der Bank der Essecke und schälte eine Orange. Sein Blick war ganz auf das Obst gerichtet. Draußen war es immer noch dunkel. Oder schon wieder. Fiona hatte keine Ahnung wieviel Zeit vergangen war. »Wie lange habe ich geschlafen?«, wollte sie daher sofort wissen und richtete sich auf. »Nur zwei Stunden etwa. Es ist kurz nach Mitternacht. Ein Gähnen entwich ihr und sie hielt sich verlegen die Hand vor den Mund. Das Feuer glomm vor sich hin und endlich fühlte sie sich rund um warm. »Hast du dir so die Feiertage vorgestellt?«, fragte Klaus, bevor er sich eine Scheibe Orange zwischen die Lippen schob. Fiona nickte. Eigentlich war das hier, trotz der zuvor drohenden Erfrierungen, weihnachtlicher und angenehmer als gedacht. Sie wollte zwar alleine sein, aber Klaus Anwesenheit erfüllte sie auf eine spezielle Art. Der attraktive Mann strahlte eine Ruhe aus, die sich neben dem Kamin, der Dekoration und den tanzenden Schneeflocken vorm Fenster mischte. »Ich brauchte Zeit für mich und wollte nicht in die obligatorischen Streitigkeiten der Familie geraten. Ich hätte nicht so dämlich sein sollen im Sturm allein in den Wald zu gehen, aber die aktuelle Situation ist durchaus zufriedenstellend!«, erklärte sie lächelnd. Klaus schmunzelte. Er hielt ihr ein Stück Orange entgegen und sie stand auf, um es anzunehmen. Als sie danach nach griff, berührten sich ihre Finger kurz. Fiona zuckte fast zurück, weil ein kleiner Stromschlag in ihre Hand fuhr. Sein Schmunzeln wurde breiter und das Kribbeln auf ihrer Haut stärker. Schließlich biss sie in das saftige Fruchtfleisch und machte einen genießerischen Laut. »Hmm.« Als Reaktion darauf begann Klaus laut zu lachen. Richtig laut und hemmungslos. Sie starrte ihn verwirrt an und kaute weiter. »Die Orange schmeckt so gut, dass es dir die Hosen auszieht, nicht wahr?«, scherzte er. Sie brauchte ein paar Sekunden, bis sie den kühlen Luftzug um ihren Hintern herum spürte. 
Klaus große Jogginghose lag zu ihren Knöcheln. Sie guckte erstaunt darauf, während er immer weiterlachte. Schließlich kam sie zu sich und zog das Ding ruckartig hoch. Das Blut schoss ihr heiß ins Gesicht. Sie hatte zwar noch die Strumpfhose an, trotzdem war das mehr als peinlich. Klaus lachte noch einige Sekunden und hielt sich den Bauch. Sie zog den Bund eng um ihren Bauch und sah auf die flauschigen Socken an ihren Füßen. »Tut mir leid, aber das sah wirklich süß aus! Aber deine Sachen müssten dank dem Feuer schon wieder trocken sein. Du kannst deine Jeans wieder anziehen, obwohl ich nichts gegen den cozy-Look habe!«, sagte er  immer noch amüsiert. Seine braunen Augen fixierten sie und ein Mundwinkel wanderte frech nach oben. Fiona erwiderte seinen Blick und wunderte sich, ob der große Holzfäller jetzt tatsächlich zum Flirten anfing. Prinzipiell war sie nicht gebunden und eine kleine Urlaubsromanze klang gar nicht so schlecht. Trotzdem griff sie sich ihre eigene Jeans, stellte sich hinter den großen Sessel und wechselte ihre Kleidung. Klaus war höflich genug sich wieder der Orange zu widmen und sie nicht anzustarren. 
Obwohl es mitten in der Nacht war, fühlte sie sich plötzlich hell wach. Auch ihr Retter schien keineswegs müde. »Magst du dir die Tiere einmal genauer ansehen? Sie freuen sich immer über Besuch!«, schlug er vor. Fiona war sofort von dieser Idee begeistert. Sie zog sich ihren Mantel und die Stiefel wieder an, die wohlig warm vom Feuer waren. Klaus schlüpfte in einen roten Parker der ihm bis zu den Knien reichte und setzte die dazu passende Wollmütze auf. Er lächelte sie breit an, wodurch die kleine Lachfältchen an seinen Augenwinkeln erneut hervortaten.  Fiona grinste verlegen zurück. Ihr Finnlandurlaub entwickelte sich noch zu einem kleinen Abenteuer. 


Eigentlich hatte sie in dieser Nacht nicht mehr in die Kälte hinaus wollen. Allein der Gedanke an den Sturm ließ sie frösteln. Doch als sie nun hinter Klaus aus der warmen Hütte trat, blieb ihr kurz die Luft weg. Vorher hatten die vielen bunten Lämpchen schon einen weihnachten Flair verbreitet, doch nun, ohne dichtem Schneetreiben leuchtete jeder Winkel noch heller. Auf dem Gartenzaun, der das ganze Gelände umrandete, blinkten große runde Lichter. Dazwischen hingen dekorative Tannenzweige mit roten Schleifen. Die Laternen beleuchteten ihnen in einem warmen Gelbton den Weg, der trotz des Sturms nur minimal eingeschneit schien. Klaus große Stiefel sanken ein und knirschten. Vom Himmel fielen nur noch vereinzelte Flocken, die sanft in kreisenden Flugbahnen herabsanken. Sanfte weiße Hügel erstreckten sich vor ihr, bis hin zum dunklen Wald aus dem sie gekommen war.
Klaus stapfte zielstrebig voraus und bog nach rechts hinters Haus ab. Fiona bestaunte die vielen Lichterketten auf dem Dach und folgte ihm staunend. Selbst die kleinen vereinzelten Tannen in seinem Garten waren bunt beleuchtet und trugen zum weihnachtlichen Ambiente bei. »Für wen schmückst du so schön hier draußen?«, fragte sie. Mit einem frechen Blick über seine Schulter zwinkerte er ihr zu. »Kann ein Mann es nicht gerne festlich haben? Außerdem finde ich so immer zurück aus dem Wald wenn es hier so lange dunkel ist. Das kann nützlich sein!«  Dem hatte sie nichts hinzuzufügen. 
Als Klaus dann stehen blieb, stolperte sie fast in ihn hinein. Sein Rücken war so breit, dass sie nicht an ihm vorbei sah. Nach Halt suchend krallten sich ihre Finger in seinen Rücken. Er beschwerte sich nicht, sondern schenkte ihr ein sanftes Lachen. Der Duft nach Lebkuchen stieg ihr erneut in die Nase. Mit einem Griff legte er seinen Arm um sie, um sie sanft an seine Seite zu ziehen. Als sie dann ihren Blick von ihm abwenden konnte und nach vorne richtete, sog sie entzückt die eisige Luft ein. »Oh. Mein. Gott«, hauchte sie, bei dem Anblick von sechs weiß-braunen flauschigen Rentierhinterteilen. Sie alle waren ihr entgegengestreckt, in Reih und Glied. Die Köpfe tief herabgesenkt. »Sie sind sehr verfressen!«, erklärte Klaus liebevoll mit einem Lächeln. Fiona betrachtete die Tiere, die ihre Köpfe tief auf einen großen Strohhaufen gesenkt hatten. Weiter links standen noch mehr Exemplare die genüsslich fraßen oder aber auch neugierig zu ihnen sahen. »Sie sind fantastisch«, sagte sie. Klaus nickte. »Ich arbeite mit den Tieren!« Auf einmal hob eines jener Tiere, die ihr den Po entgegen reckten den Kopf und drehte den Hals zu ihr.  Als hätte es sie wiedererkannt stapfte es gemächlich auf sie zu. Fiona erstarrte. »Er hat dich lieb gewonnen!«, murmelte er leise. »Dasher ist der verschmuste von allen. Vixen kann es nicht leiden, wenn man ihn unnötig angreift und Cupid liebt es hinter den Ohren gekrault zu werden!« 
Das große Tier steuerte Fiona direkt an, bis es seine weiche, feuchte Nase gegen ihre Brust stieß. Das pelzige Geweih ragte vor ihr empor und automatisch legten sich ihre Finger auf das weiche Fell an die Stirn. Sanft kraulte sie und grinste zufrieden. »Du bist also Dasher? Danke, dass du mich hier hergebracht hast.« Das Rentier schloss genüsslich die Augen und schmiegte sich noch fester an sie. Eine Weile versank sie vollkommen in der Sanftheit dieses großen Tieres. Solange, bis ihr ein Lichtblitz kam. »Warte mal. Dasher, Vixen, Cupid... heißen die anderen etwa Donner, Blitzen, Dancer und Prancer?« Hastig hob sie den Blick und zählte durch. Neun Tiere. Klaus brach in lautes Gelächter aus. »Ernsthaft? Du hast deine Tiere wie die vom Weihnachtsmann benannt?«, fragte sie amüsiert. Er nickte eifrig. »Ich fand Klaus und seine 9 Rentiere witzig!« Klaus. Santa Claus. Nun lachte auch Fiona los. 
Zwischendurch blinzelte sie zu dem Mann, der sie so freundlich aufgenommen hatte. Hier in der Nacht, nur im Schein der vielen Lämpchen wirkte er nicht mehr wie ein frecher Junge, sondern wie ein erfahrener Mann, der die Natur und Tiere liebte. In diesem Ambiente sahen seine Züge reifer aus. Fiona genoss die Nähe von Dasher ganz besonders. Wie lange sie da standen und sie das Tier streichelte war für sie schwer einzuschätzen. Der Schneefall wurde immer weniger und als sie hochsah, brach die Wolkendecke auf, um einen atemberaubenden Sternenhimmel freizugeben. Es fiel ihr schwer den Blick von den Rentierhintern und Dasher abzuwenden, aber über ihr bot sich auch ein wunderschönes Schauspiel. Zusammen mit Klaus hob sie den Kopf. Sein Arm legte sich erneut um ihre Schultern, sodass sie leicht in seine Richtung kippte. Irritiert sah sie zu ihm und dann zu den Sternen. »Wunderschön!«, murmelte sie leise. Klaus grinste breit und wandte sich hier zu. »Ich oder die Sterne?« Da war es wieder.  Dieser kecke Tonfall, der sie dazu verleitete ein sachtes Bauchkribbeln zu kriegen. 

Erst als ihre Nase zu gefrieren begann, aber kurz bevor ein Eiszapfen dran hing, begleitete Klaus sie zurück in die Hütte. Erneut durchfuhr sie ein ganz Körper-Kribbeln. Er bereitete ihr eine weitere heiße Schokolade zu und bot ihr abermals das Schlafzimmer an. Fiona setzte sich aber zurück in den breiten Sessel und zog die Beine an. Es war sehr kuschlig und bequem vor dem Feuer. Schweigend gesellte sich der Mann zu ihr und zusammen starrten sie in die Flammen. Dass sie eingeschlafen war, merkte sie erst, als sie wieder aufwachte. 
»Es wird bald hell, soll ich dich jetzt zurückfahren?«, fragte er mit einem sanften Gesichtsausdruck. Nein. Eigentlich wollte Fiona bis Silvester in diesem Ohrensessel vorm Feuer sitzen und sich von heißer Schokolade mit Rum ernähren. Das erste Problem an der Sache war wieder mal ihre Blase. Wenn sie nicht auf den den Polster machen wollte, musste sie sich aus der gestrickten Wolldecke mit aufgestickten Schneeflocken drauf herausschälen und aufstehen.  Klaus erhob sich grinsend und streckte ihr seine Hände entgegen, die sie zögerlich nahm. Seine Haut war warm und weich. Sie hätte robuste und schwielige Finger erwartet, die er von der harten Arbeit im Wald hatte. Spielzeug zu vertreiben schonte die hübschen Männerhände allerdings. Einen Moment hielt sie seinen Griff fest, ehe sie ihn spontan umarmte. Eine gänzlich unpassende Reaktion, aber ihre Intuition verleitete sie dazu. Zuerst versteifte er sich überrascht, doch dann spürte sie seine Berührung an ihrem Rücken. Er fuhr langsam daran auf ab, schickte damit ein wohlig warmes Gefühl durch ihren Körper. »Soviel Dankbarkeit für ein bisschen Hilfe!«, murmelte er amüsiert. Sie seufzte. Viel zu lange schmiegte sie sich an den großen Mann, ehe sie einen Schritt zurück machte und mit leicht geröteten Augen hochblickte. Bevor es noch peinlicher werden konnte, kratze er sich am Hinterkopf und wies mit der Hand aus dem Fenster. »Es ist alles bereit. Wir sollten fahren, ehe es wieder dunkel wird!«

Sie hätte jetzt mit Recht einen bunt geschmückten Schlitten erwartet. Ein altmodisches, schnuckliges Exemplar mit tausend Kissen und Decken. Die stattlichen Rentiere vorne angespannt, behängt mit vielen kleinen Glöckchen. Die Vorstellung, wie sie romantisch durch den Schnee zischten, begeisterte Fiona jetzt schon. Die Realität war ernüchternd. »Stimmt was nicht?«, wollte Klaus wissen, weil sie mit Schmollmund stehen blieb. Er zog seine rote Mütze zurecht und schwang ein Bein über den breiten Sitz des Schneemobils. Zugegeben riesig, imposant auf Hochglanz poliert stand es da. Aber es passte nicht zu den Laternen, den Mistelzweigen und den ... Rentieren. Als Fiona aber klar wurde, dass sie nicht am Nordpol war, sondern in Finnland, setzte sie sich wieder in Bewegung. Sie platzierte sich hinter Klaus auf das rot-weiß lackierte Gefährt. Ihre Arme schlang sie um seine Taille. Prompt startete er den Motor, der erstaunlich leise zu rattern begann. Beim ersten Ruck, quietschte sie erschrocken und presste ihr Gesicht an Klaus Rücken. Sie spürte die Vibrationen unter sich und gleichzeitig den eisigen Wind an ihren Wangen. Als sie blinzelte, tränten ihre Augen sofort. Trotzdem sah sie die Baumstämme an sich vorbeisausen. Klaus schien einen Weg mit der Maschine entlangzuschlängeln und genau zu wissen wo er hin musste. Sie hatte ihm nicht verraten wo ihre Hütte war, davon abgesehen dass sie keine Ahnung hatte wo sich Klaus Mökki befand. Sie genoss die Fahrt obwohl sie schnell fror. In jede Naht schienen der Fahrtwind und die Kälte einzudringen. Doch Klaus warmer Körper vor sich machte einiges gut. Sie mochte diesen Fremden. Sie machte die Augen wieder zu und legte ihren Kopf an seine Rückseite. Fühlte, als sich seine Muskeln anspannten, wenn er lenkte und war keineswegs ängstlich. 

»Wir sind da!«, verkündete er und gleichzeitig erstarb der Motor. Nur widerwillig setzte sich Fiona auf. Ihre Arme und Beine waren starr, obwohl die Fahrt nur wenige Minuten gedauert hatte. Klaus stieg vor ihr ab und reichte ihr die Hand, um ihr beim Absteigen zu helfen. Er hatte sie tatsächlich zum richtigen Ferienhaus gefahren. Ihre Hütte sah aus wie eine karge Bruchbude, im Vergleich zu seinem Weihnachtswunderland. Missmutig betrachtete sie die verschneite Veranda und ihr Auto. Die oberen Fenster und das Dach waren noch zu sehen. Sie brummelte. »Soll ich dir beim Freischaufeln helfen?«, fragte er grinsend, nachdem er ihr Gesicht gesehen hatte. Sie schüttelte hastig den Kopf. »Du hast schon soviel getan. Ich schaff das schon. Vielen Dank!« Eigentlich wollte sie, dass er blieb. Oder sie wieder mitnahm. Gemeinsam stapften sie durch den kniehohen Schnee zu ihrer Eingangstüre. Ihre Schaufel lag irgendwo im Wald und sie würde sie noch suchen müssen. Aber es gab Gott sei Dank nicht nur eine davon. Gemeinsam drückten sie die Tür auf und Fiona war überrascht, als eine angenehme Wärme herausströmte. Der Kamin glimmte nur noch dezent vor sich hin, trotzdem reichte es aus, ihr Gesicht zu wärmen. »Okay, dann fahre ich jetzt wieder zurück!«, verkündete Klaus, ohne einen neugierigen Blick in ihr Feriendomizil geworfen zu haben. Er blieb draußen stehen und lächelte sie an. Fiona drehte sich zu ihm und überlegte, was sie jetzt tun sollte. Er nahm ihr die Entscheidung ab, in dem er sie noch einmal in seine Arme zog. »Es war eine sehr schöne Nacht mit dir. Schön, dass du bei mir warst!«, sagte er in ihre Mütze. Sie hob den Kopf, sodass sein Kinn auf seiner Brust lag. Wenn er den Kopf senkte, waren sich ihre Nasen sehr nahe. Verschmitzt grinste er ihr entgegen, immer noch fest umschlungen. Einer jener Blicke, in denen viel mehr lag. Dinge, die man nicht sagte. Fiona war sich sicher. Er wollte sie küssen. Sie wollte das auch. Voller freudiger Erwartung schloss sie die Augen und hob das Kinn an. Sie spürte seinen Atem und ihre Jacken knisterten, als sie sich bewegten. Sie malte sich auch, ihn auf ihrem Mund zu spüren und das Bauchflattern intensivierte sich. Doch dann, legte er seine warmen Lippen auf ihre eiskalte Stirn und hauchte ihr einen zarten Kuss auf die Haut. Sein Bart streifte ihre Nase und kitzelte. Es war schön, aber unerwartet. Als sie ihn überrascht und ein bisschen enttäuscht ansah, lächelte er sie warm an. Ohne weitere Worte entließ er sie aus seinem Griff, drehte sich um und stapfte zurück zu dem Schneemobil. Sie starrte ihm perplex nach, denn den Kuss spürte sie immer noch. Erst als er das Gefährt erreicht hatte und gerade aufsteigen wollte, rief sie ihm nach. »Klaus, magst du nicht heute an Weihnachten wieder vorbei kommen? Ich kann dir Tee und Kekse anbieten!«
Er lachte und legte den Kopf schief. »Das hört sich hervorragend an, Danke, aber ich habe am Weihnachtsabend ganz besonders viel zu tun. Aber vielleicht werden wir uns wieder sehen Fiona! Vergiss das Glas Milch nicht!« Seine Absage löste erneute Enttäuschung in ihr aus, aber sie verstand es. Sie schaute schmunzelnd zu ihm, als er winkte. Das Licht wurde bereits wieder diffuser und die Sonne stand hinter ihm tief hinter den Bäumen. Sie schimmerte glitzernd hindurch und brach sich an der Schneedecke wieder, sodass seine Silhouette verschwamm. Der kühle Schein des Lichts strahlte ihn von hinten an. Sie kniff die Augen zusammen und dachte grinsend, dass sein dunkler Bart sich gerade silbrig weiß färbte. Die Sonne spielte ihr wohl einen Streich und die rote Mütze, die spitz abstand, vervollständigte das Trugbild. Klaus mit deutlich älterem Gesicht und weißem Bart, schwang sich auf den Sitz, startete den Motor und fuhr davon. Sie sah ihm solange an, bis es zu kalt wurde, das Lächeln auf ihren Lippen blieb. Klaus hatte Eindruck hinterlassen und sie dachte an diesem Weihnachtsabend nicht nur an die flauschigen Rentierhintern, sondern auch an ihn. 

Als sie am nächsten Tag bei strahlendem Sonnenschein durch den Wald stapfte, stieg ihre Frustration. Sie wollte Klaus besuchen, aber alles was sie auch nach zwei Stunden querfeldein spazieren gehen fand, war der umgefallene Baum und ihre Schaufel. Egal wohin sie sah und auf ihrem schlechten Handy mit GPS nach Hinweisen suchte. Klaus Mökki war unauffindbar. Sie rief sogar nach Dasher, doch nur ihre eigene Stimme hallte weit durch den Wald. Irgendwo rieselte Schnee zu Boden und ein Ast knackte. Sonst nichts. Das einzige was ihr übrig blieb, war zu Hause nach einem Klaus aus der Spielzeugbranche zu suchen. Auch wenn ihr Bauchgefühl ihr sagte, dass diese Nacht eine ganz besondere war und sie den großen bärtigen Mann so schnell nicht wieder sehen würde. 
 

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