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Rockstar in progress

Der erste Atemzug nach dem Aufwachen fühlte sich gut an. Ein tiefes Luftholen, welches vollkommen gelassen und entspannt aus meinem Inneren kam. Ich lag auf dem Bauch, das Gesicht fest in ein weiches, duftendes Kissen gepresst und die Arme hatte ich darunter verschränkt. Das stechende Kribbeln in den Fingerspitzen weckte mich aus einem traumlosen Schlaf. Eine warme Decke ruhte federleicht auf meinem schweren Körper und alles schien, wie es sein sollte. Solange, bis meine Gedanken aus der Traumwelt heraus glitten und in die Realität prallten, als hätten sie mit 180 km/h auf der Autobahn einen Betonpfeiler gerammt. Ein kehliges Stöhnen ließ mich erschrocken zusammenzucken. Entsetzt merkte ich, dass ich selbst solche Laute von mir gab. Jemand lief in meinem Kopf Amok, randalierte erbarmungslos hinter der Stirn mit einem Presslufthammer. Das Dröhnen war kaum auszuhalten und ich wagte es nicht erneut Luft zu holen. Mein Rachen kratzte fürchterlich und meine Zunge fühlte sich an, als hätte ich über eine nasse Katze geleckt, pelzig und rau.

Der Geschmack in meinem Mund war widerwärtig und nachdem ich das erste Mal schluckte, drehte sich mir der Magen schmerzhaft um. Die Übelkeit brachte mich dazu die Augen krampfig aufeinander zu pressen. Ein großer Fehler. Sofort begann sich das schwarze Nichts um mich wild im Kreis zu drehen. Nach Halt suchend verkrallte ich mich in der Matratze, aber das brachte überhaupt nichts. Keuchend öffnete ich die Lider und wurde von einem hellen Licht geblendet. Es hätten genauso gut riesige Scheinwerfer sein können, die mein Elend ausleuchteten, doch es war nur die Sonne.
Ich lag umringt von schneeweißem Bettzeug, das frisch nach Waschmittel roch und sich angenehm kühl an mein heißes Gesicht schmiegte. Zwischen meinen körperlichen Leiden und der himmlischen Umgebung, drängte sich ein fremdes Unbehagen. Es sagte mir, dass ich nicht hier sein sollte. Dieses typische Samstag-Gefühl, wenn man mitten in der Nacht aufwachte und keine Ahnung hatte, wie man hieß, welcher Tag war und ob man zu spät zur Arbeit kam.

Alles an mir schien schwer wie Blei und ich vermied es, auch nur einen Muskel zu bewegen. Dies bedeutete vielleicht, dass ich hier für immer liegen blieb, aber das nahm ich gezwungenermaßen in Kauf.


Ein frischer Windhauch fegte über meinen Kopf und nicht weit weg, hörte ich Wasser plätschern. Zuerst dachte ich, es sei Regen, das konnte bei strahlendem Sonnenschein jedoch kaum möglich sein. Langsam kehrte mein Bewusstsein Stück für Stück in das Jetzt zurück und ich erkannte das Gluckern eines Abflusses. Jemand duschte nebenan und diese Erkenntnis beherrschte plötzlich all meine Sinne. Ich zwang mich meinen Kopf auf die andere Seite zu drehen und schrammte mit dem Gesicht am Kissen ächzend entlang. Seufzend versuchte ich mich zu orientieren. Mein Blick fiel auf ein kleines, schwarzes Nachtkästchen, auf dem ein bunter Papier-Flyer genau in meinem Sichtfeld aufrecht lehnte. "MGM Grand Hotel and Casino", stand in fetten, grauen Buchstaben oben drauf und als hätte mir jemand mit einem kalten Waschlappen ins Gesicht geschlagen, kehrte eine wichtige, drängende Information wieder in mein schwermütiges Gedächtnis zurück. Ich befand mich so weit weg von zu Hause, wie es nur möglich war. Das fremde Hier war Las Vegas, Nevada, auf dem Kontinent Amerika. Der Grund der Reise war meine beste Freundin, sowie der Anlass, meinen 30sten Geburtstag angemessen zu feiern.


Ich rollte mich umständlich auf den Rücken und stieß die flauschige Decke mit den Füßen von mir, wobei sich meine Beine anfühlten, wie nach einem Marathon. Meine Augen versuchten die Umgebung zu erfassen, auch wenn es mir unglaublich schwer fiel, meinen Blick geradeaus zu richten.
Das riesige Hotelzimmer schüchterte ein, denn die Wände schienen ewig weit weg. Links von mir erhob sich eine komplette Glasfront vom Boden bis zur Decke, mit dicken, weißen Stoffbahnen verhangen, die sich sachte im Windzug bauschten. Die Sonnenstrahlen wurden zwar gedämpft, erfüllten den Raum trotzdem mit warmem Licht, das ich just in dem Moment nicht so angenehm fand. Blinzelnd betrachtete ich weiter meine Umgebung, in der Hoffnung, dass sich mein Verstand klärte. Es war meine Art mich langsam hochzufahren und erst einmal die Begebenheiten nüchtern zu erfassen. Gegenüber von mir stand ein gigantisches ebenfalls weißes Ledersofa mit schwarzen, quadratischen Kissen darauf, so hingelegt als hätte nie jemand darauf je gesessen. Darüber hingen unzählige, gerahmte Poster von diversen Prominenten, Filmen und Musicals. Ebenso beim auf Hochglanz polierten Esstisch begriff ich meine Situation immer noch nicht komplett. Das mulmige Gefühl in meinem Bauch stieg an.
Ich richtete den Oberkörper auf und stützte mich auf meinen Ellenbogen hinter mir ab, um nicht gleich wieder umzukippen.

Mein Kopf sackte auf die Brust, wodurch sich ganz neue Eindrücke ergaben. Ich trug ein ausgewaschenes weißes T-Shirt mit ACDC Aufdruck. Dieses entstammte definitiv nicht meinem eigenen Kleiderschrank. Mit schneller schlagendem Herzen trat ich das letzte bisschen Decke von mir fort und ein Schrei blieb mir in der Kehle stecken. Die zu großen, männlichen Boxershorts gehörten genauso wenig zu mir. Das war offensichtlich nicht meine Unterwäsche. Wieso zur Hölle trug ich jemandes andere Kleidung? Wo verdammt nochmal war meine eigene? Wenn ich fremde Wäsche trug, wer hatte augenblicklich meine an? Es gab Fragen, auf die wollte man keine Antworten bekommen, besonders nicht, wenn man sowieso schon kurz davor war sich hemmungslos zu übergeben und durchzudrehen.